Neu im Kino: „Die Verlegerin“

21. Februar 2018 18:26 Michael Eckert Film ,

 Ein Film für alle, die an die Freiheit der Presse glauben

Wer sich auch nur im Entferntesten für amerikanische Politik und deren Geschichte interessiert, für den ist „Watergate“ kein unbekannter Begriff. 1972 sorgte ein Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei für einen politischen Skandal, in dessen Folge der republikanische Präsident Richard Nixon zwei Jahre später zurücktreten musste.

Weniger bekannt ist eine Affäre, die bereits 1971, also ein Jahr zuvor die US-Öffentlichkeit erregt und eine Vertrauenskrise in die Politik Washingtons ausgelöst hatte: die Veröffentlichung der sogenannten „Pentagon-Papiere“. Das 7000 Seiten umfassende Dokument des amerikanischen Verteidigungsministeriums war von dem Whistleblower Daniel Ellsberg zunächst an die New York Times weitergeleitetet worden und belegte, dass die Präsidenten Nixon und vor ihm Lyndon B. Johnson die Öffentlichkeit über Umfang und Hintergründe des amerikanischen Einsatzes im damals noch tobenden Vietnamkrieg belogen hatten. Ein publizistisches Erdbeben, das den Anfang vom Ende des US-Engagements in Vietnam einläutete.

Dass dieser Skandal bei weitem nicht so bekannt ist wie Watergate, liegt nicht zuletzt an Hollywood: 1976 ging Alan J. Pakulas Polit-Drama „Die Unbestechlichen“ um die Welt, eine in Thriller-Manier verfilmte Kino-Version der Watergate-Affäre. Robert Redford und Dustin Hoffman spielten darin die Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein, die in der Washington Post über die Vorgänge berichtet hatten und denen somit ein wichtiger Beitrag zur Aufklärung des Skandals zugeschrieben wird. Das weltweite Medienecho und Pakulas Spielfilm sorgten dafür, dass der Fall bis heute als Musterbeispiel für investigativen Journalismus gefeiert wird. Da konnten die Pentagon-Papiere bislang nicht mithalten.

Aber jetzt holt Starregisseur Steven Spielberg Versäumtes nach und erzählt in seinem neuen Film „Die Verlegerin“ die Geschichte des brisanten Pentagon-Materials, bei deren Veröffentlichung der Washington Post und ihrer Verlegerin Kay Graham ebenfalls eine wichtige Funktion zukam. Die als Geheim eingestuften Papiere waren 1967 im Auftrag des damaligen Verteidigungsministers Robert McNamara erstellt worden und belegten, dass die amerikanische Bevölkerung über Ausmaß und Verlauf des Krieges bewusst im Unklaren gelassen wurde. Es war Daniel Ellsberg, ein hochrangiger Mitarbeiter im Ministerium, der das Dokument kopierte und an die Redaktion der New York Times weiterleitete. Die Zeitung begann im Juni 1971, die Papiere in Auszügen zu veröffentlichen. Präsident Nixon versuchte die weitergehende Veröffentlichung zu stoppen und erreichte mit einer einstweiligen Verfügung einen vorläufigen Stopp. Das war der Moment, als die Washington Post einsprang und weitere Auszüge öffentlich machte.

Steven Spielberg macht aus der redaktionellen Entscheidung, die Dokumente trotz der juristischen Risiken zu drucken, ein persönliches Drama um die „Post“-Verlegerin Kay Graham und lässt diese von Meryl Streep darstellen, die für diese Rolle im März durchaus ihren vierten Oscar gewinnen könnte. Im Film ist die Verlagserbin Kay Graham Chefin eines Blattes, das bis dahin kaum mehr als lokale Bedeutung für die Hauptstadt hat und eher für Hofberichterstattung als für brisanten Journalismus steht. Als die New York Times mit der Veröffentlichung der Papiere vorprescht und dann vorübergehend gestoppt wird, steht die Verlegerin vor dem Gewissensentscheid, die Veröffentlichung in ihrer „Post“ fortzuführen und damit nicht nur ihre politischen Kontakte und Vertraute in Schwierigkeiten zu bringen, sondern darüber hinaus den gesamten Verlag mit seinen Mitarbeitern zu riskieren – und für sich persönlich und ihren Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks) womöglich eine Gefängnisstrafe.

Es liegt in der Natur der Sache, dass bei Filmen wie „Die Verlegerin“ (wie auch schon bei „Die Unbestechlichen“) mehr über deren politische Brisanz als über filmische Dramaturgie gesprochen wird. Sicher werden nun auch sämtliche Medien das von Steven Spielberg angestimmte Hohelied auf die Macht einer freien Presse weitersingen. Und zwar unabhängig von Ausrichtung und Charakter der jeweiligen Publikation und gleichgültig, ob sie sich tatsächlich einem forschendem Journalismus verpflichtet fühlt, der Neutralität und Wahrheitsfindung über eigene wirtschaftliche oder politische Interessen stellt. Pressefreiheit kann jeder für sich reklamieren.

Bewertet man dagegen den Film an sich, kann man das Spiel zweier toller Schauspieler herausstellen. Den Granden Meryl Streep und Tom Hanks bietet das persönliche Drama der handelnden Charaktere vor historischer Kulisse Gelegenheit, die dramatischen Spielarten ihrer Kunst auszuschöpfen und sich für die kommenden Preisverleihungen in Stellung zu bringen. Ansonsten folgt der Film der üblichen Konvention: Nach Einführung in die Vietnam-Problematik folgt das Dilemma der Protagonistin zwischen Loyalität zu ihren politischen Freunden und zu ihrer publizistischen Aufgabe. Im dritten Akt steht dann das von großem Pathos begleitete Finale mit Kays Entscheidung und der Botschaft: Es lebe die freie Presse!

Überraschend kommt der Film nicht wirklich, schließlich kann man ihn auch als überfällige Antwort des liberalen Hollywoods auf Donald Trump und seine fortwährenden Verbal-Angriffe auf kritische Berichterstattung verstehen. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass man nicht die Realität einer Zeitungsredaktion in der Zwickmühle zu sehen bekommt, sondern die einer 50-Millionen-Dollar-Hollywoodproduktion in Trumps Amerika. Abseits vom intensivem Spiel von Meryl Streep und Tom Hanks hat der Film seine stärksten Momente, wenn er in Großaufnahme die Druckvorbereitung mit dem Setzen der Artikel zeigt. Die hier noch im Bleisatz klackernd in die Druckmaschinen einfließenden Buchstaben erinnern an Patronen, die in ein Gewehr geladen werden, und die bleischweren Lettern versinnbildlichen die Kraft des Gedruckten.

Das mag neu sein für eine Generation, die ihre Informationen nur noch von winzigen Bildschirmen bezieht – und Balsam auf die von der digitalen Konkurrenz gebeutelten Seelen heutiger Verleger und Chefredakteure. Aber es wird niemanden wirklich die Nachricht überraschen, dass wir von der Politik belogen werden und nur das erfahren sollen, was man uns vorsetzt. Leider jedoch sind auch wohlmeinende Filme wie „Die Verlegerin“ nicht frei von Manipulation. Spielfilmbilder, die Historie nacherzählen, legen sich meist wie Puderzucker über tatsächliche Ereignisse, Fiktion ersetzt Dokumentation. Immerhin kann sich der geneigte Zuschauer auf zwei Stunden gepflegte Unterhaltung einstellen. Und er weiß dann auch, was man als „Pentagon-Papiere“ bezeichnet. Die umfassen die kriegerischen Vorgänge in Vietnam von 1945 bis 1967 und sind seit 2011 vollständig online zu lesen. Ganz legal auf www.archives.gov/research/pentagon-papers.

DIE VERLEGERIN Trailer German Deutsch (2018)

“Die Verlegerin” läuft ab Donnerstag, 22. Februar in den Hamburger Kinos Abaton, Cinemaxx, Elbe, Koralle, Passage, Studio, UCI Kinowelt Mundsburg und Zeise.

 Michael Eckert