Filmkritik & Trailer: Lady Bird

19. April 2018 17:58 Mario Kraft Aktuelles,Film,Kino ,

Szenenfoto "Lady Bird"

Spritziges Coming-Of-Age-Drama mit tollen Darstellern

Die US-amerikanische Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin Greta Gerwig gibt uns mit ihrem neuesten Film LADY BIRD (2017) einen persönlichen Einblick in das Leben der eigenwilligen Christine McPherson (Saoirse Ronan). Seit dem 19. April 2018 läuft er in den deutschen Kinos.

Die Hauptfigur, die darauf besteht, mit dem Spitznamen „Lady Bird“ angesprochen zu werden, steht gerade am Ende ihrer Schullaufbahn und am Anfang des ernsten Lebens. Was dieser Umbruch speziell in den USA bedeutet, kennen wir schon aus diversen anderen Filmen dieses Genres. Liebes- und Gefühlschaos, der erste Zoff mit der besten Freundin, die Suche nach dem richtigen College, Abnabelung von den Eltern und natürlich das perfekte Kleid für den Abschlussball. Was hebt diesen Film aus der Masse ab?

Gerwigs persönliche Liebeserklärung an Sacramento

Gerta Gerwig (Drehbuch und Regie) lässt ihre persönliche Prägung einfließen. Zeitlich bettet sie den Film in die Jahre kurz nach ihrer eigenen Jugend ein. 2002, ein Jahr, in dem – so heißt es im Film – eigentlich nichts passiert ist. Aber kurz zuvor fanden die Anschläge des 11. Septembers statt. Und damit herrschte in Amerika eine spezielle Atmosphäre der Verunsicherung und der Angst. Zudem ist sie im Handlungsort Sacramento aufgewachsen. Im Interview sagt Gerwig, der Film sei eine Liebeserklärung an die Stadt Sacramento, die für sie erst wirklich in den Fokus geriet, als sie diese verlassen hatte. Aber der Film Lady Bird gerät nicht zur Biografie der 34-jährigen Regisseurin.

Christine „Lady Bird“ McPherson, 17 Jahre jung, lebt ihre eigene Geschichte. Diese ist geprägt von einer sehr engen Bindung zur Mutter. Doch die Harmonie schlägt immer wieder in heftige Streitereien um, wenn Lady Bird den Wunsch äußert, für ihr Studium Sacramento zu verlassen und an die Ostküste zu gehen. New York ist ihr erklärtes Ziel. Für die besorgte Mutter, einfühlsam gespielt von der US-amerikanischen Schauspielerin Laurie Metcalf, ist das der Alptraum. Ihr fällt die Abnabelung nicht ganz so leicht wie ihrer Tochter. Und finanziell ist das schon gar nicht drin. Schließlich muss Marion McPherson bereits jeden Cent zweimal umdrehen. Der warmherzige Vater, welcher mit seiner Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat, wirkt dagegen bestärkend auf Lady Bird ein.

Dickköpfig wie Lady Bird ist, sendet sie ihre Bewerbungen an die besten Universitäten der East Coast. Das sorgt für ordentlich Zündstoff, der den Zuschauer aus eigener Erfahrung sehr berühren kann. Aber Marion und Lady Bird raufen sich immer wieder zusammen und das Vertrauen zwischen ihnen ist groß. Niemand anderen könnte sich der Teenie als Begleitung zum Shoppen vorstellen.

Sorgen einer Heranwachsenden

Das wäre des Gefühlstrubels schon viel, aber natürlich gibt es auch noch Männer, die im Leben der Heranwachsenden eine immer stärkere Rolle spielen. Da ist es lästig, wenn man beim Abschlussball auf der katholischen High School einen Sicherheitsabstand beim Tanzen einhalten muss. Und Küssen geht gar nicht! Auch die Kerle machen es ihr nicht leicht. Sowohl der ruhige Schwiegermutter-Traum Danny (Lucas Hedges) aus der Theater-AG als auch der verwegene Schönling Kyle, wunderbar verkörpert durch Call Me By Your Name-Star Timothée Chalamet, sind auf ihre verschiedene Weise kompliziert und bringen zusätzliche Würze in den Film.

Lady Bird ist ein wirklich erfrischender Film. Das verdankt er vor allem der liebevollen Ausgestaltung der Figuren. Die Dialoge sind flott und intelligent geschrieben. Greta Gerwig gelingen viele komische Situationen mit klugem Wortwitz. Dagegen schafft sie Kontraste durch emotionale Sequenzen. Dieses gekonnte Wechselspiel macht den Film kurzweilig. Auch für das Jahr 2002 beweist die Regisseurin ein authentisches Gespür. Die Ausstattung ist detailverliebt, die Moden der Zeit wurden gut umgesetzt und wie Gerwig sagt, war ihr auch bei der Zusammenstellung des Soundtracks die Treue zum damaligen Geschmack wichtig. Schließlich sei Musik für Jugendliche der Weg, einen Bezug zu der Welt außerhalb ihres Alltags herzustellen. Sehr weise!

Schwächen bei der musikalischen Untermalung

Leider besteht gerade im Soundtrack ein großes Problem. Das mag persönliche Anschauung sein, aber teilweise wird mit der Filmmusik wirklich unsensibel umgegangen. Ausgerechnet in den Szenen, wo es um Intimität, Offenlegung von Gefühlen, Liebe oder Trauer geht. Ausgerechnet in diesen Momenten, wo einem die Stille das Herz höherschlagen ließe, die Kehle sich zuschnürte. Dort wird mit einer Einfältigkeit Musik raufgedroschen, dass es einem die Schuhe auszieht. Der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Und das verwundert umso mehr, da Greta Gerwig ansonsten ein außerordentlich feines Gespür für Situationen und Beziehungen beweist. Nur wenige Klischees haben sich in die 95 Minuten Laufzeit verirrt. Im Vergleich mit der hohen Qualität der Dialoge und der liebevollen Charakterzeichnung stellt die Musik einen Makel dar.

Aber bildet euch eure eigene Meinung. Der Film ist definitiv sehenswert. Die Schauspieler liefern durchweg starke Leistungen ab. Saoirse Ronan – über die Aussprache darf gerätselt werden – wurde in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert. Neben den Golden Globes (Bester Film, Komödie oder Musical und Beste Hauptdarstellerin) war Lady Bird bei vielen weiten Filmpreisen erfolgreich.

Auch das Genre ist interessant – es ist ein kleines Phänomen. Betrachtet man die diesjährigen Oscar-Nominierungen, so gab es dort mit Call Me By Your Name (2017) und eben Lady Bird zwei Coming-Of-Age-Dramen. Diese Gattung erfreut sich ungebrochener, wenn nicht sogar steigender Beliebtheit. Liegt das vielleicht daran, dass das Erwachsenwerden nicht mehr nur für 16-jährige Halbstarke ein Thema ist? Es scheint doch so, als habe sich die Spanne für diesen Lebensabschnitt über die Jahre drastisch ausgeweitet. Man darf sich fragen, wann man denn überhaupt fertig ist. Wann ist man angekommen? In der dargestellten Situation werden sich bestimmt viele Menschen wiederfinden, denen Umbrüche in verschiedensten Formen bevorstehen. Es werden fesselnde und essenziele Fragen gestellt. Wird Lady Bird mit ihren Bewerbungen erfolgreich sein? Ist die Liebe fürs Leben bereits in Sicht? Schafft sie es, sich von Mutter und Heimat zu emanzipieren? Ist das überhaupt in letzter Konsequenz sinnvoll und erstrebenswert?

LADY BIRD Trailer Deutsch 2018 von KinoCheck

Seht euch Greta Gerwigs Antworten im Kino an!

In deutscher Fassung läuft der Film im CinemaxX Dammtor, im Blankeneser Kino, in der Koralle, in der Passage und im UCI Mundsburg.

 

Tipp: Im Abaton, im Zeise und im Studio-Kino läuft der Film auch im englischsprachigen Original mit Untertiteln (OmU).

 

Mario Kraft

 

Foto: www.upimedia.com