Ärmel hoch, jetzt wird geschrubbt!

22. Juli 2017 16:15 Mario Kraft Aktuelles,Altona,Eimsbüttel,Events,Hamburg-Mitte,St. Pauli , , , ,

Das Team von links - Leon Feld, Yakup Çagala, Timon Feld, Rebecca Lunderup, Hannah Lunderup, Suleiman Sedeghi

Wie oft sagt man sich „Hmm, das müsste ich eigentlich mal machen?“. Mir erging es so, als ich am Sonnabendmorgen das Ergebnis der G20-Krawalle insbesondere im Hamburger Schanzenviertel, aber auch in einigen anderen Gegenden Hamburgs betrachtete. Ich dachte mir, man müsste hier mit anpacken. Aufräumen helfen. Ein Zeichen gegen die zerstörerischen Eskapaden setzen.

Eine Gruppe junger Hamburger hat sich das nicht nur gedacht: Die Schwestern Rebecca und Hannah Lunderup –  so viel Privates gebe ich preis, dass ich beide gut aus meiner Schulzeit am „Gymnasium Heidberg“ kenne – sowie deren Freunde Timon und Leon Feld, Suleiman Sedeghi und Yakup Çagala wurden aktiv.

Sie haben es in die Tat umgesetzt und mit ihrer Initiative „Hamburg räumt auf!“ einen großen Erfolg gefeiert. Damit haben sie nicht nur ihrer  Heimatstadt sondern auch der Menschlichkeit und Friedlichkeit eine eindrucksvolle Liebeserklärung gemacht.
Ich durfte vier von ihnen zum Interview bei herrlichem Wetter in der Hamburger Innenstadt treffen – in freundschaftlicher Atmosphäre ihre immer noch frischen Erfahrungen aufsaugen.

Die Freie und Hansestadt Hamburg im Mittelpunkt des medialen Weltgeschehens. Vom 6. Bis zum 8. Juli 2017 findet im Tor zur Welt der umstrittene G20-Gipfel statt. Die Programmpunkte der hochrangigen Staatsgäste sowie die gewalttätigen Ausschreitungen am Rande des Treffens liefern die prägenden Bilder im Fernsehen und überall. Da heißt es: „Ganz Hamburg brennt!“ – „Eine Millionenstadt im Ausnahmezustand!“ – „Gewaltexzesse im linken Schanzenviertel!“
Ein Ausrufezeichen jagt das nächste!!!!!!

Und tatsächlich, die Verwüstungen in einigen Vierteln der Stadt sind schlimm. Eingeschlagene Scheiben, geplünderte Geschäfte, verbrannte Autos. Von der Beschreibung „bürgerkriegsähnlicher Zustände“ distanziere ich mich zwar ausdrücklich. Denn dazu können andere Menschen auf dieser Welt sicher besser urteilen. Und auch ein schockierender Anblick ist nicht immer gleich mit dem höchsten Extrem zu benennen.
Aber es war wirklich bedrückend. Man stellt sich direkt mittelständische Geschäftsinhaber vor, die Existenzängste bekommen, wenn sie sich in ihrem verwüsteten Laden umsehen. Oder Anwohner in ihren Wohnungen, die Ängste ausstehen, während auf den Straßen und sogar in ihren Treppenhäusern Anarchie herrscht.

Sind das die Bilder, die Hamburg jetzt für immer nachhängen müssen? Ist Hamburg ein Krawall-Moloch dem man niemals die Ausrichtung eines gesellschaftlichen oder politischen Großereignisses zutrauen kann?
Ich denke, dass die meisten es besser wissen. Vor und während des Gipfeltreffens fanden in Hamburg zahlreiche friedliche und kreative Proteste statt. Von 1000 silbrig schimmernden Gestalten, die nach einer Prozession des Leidens völlig entfesselt und bunt vor dem Chilehaus feiern, bis hin zu den ganz „normalen“ und extrem wichtigen Demonstrationen, von denen man an den Gipfeltagen nur wenig mitbekam, wenn man nicht selber vor Ort war.

Aber eine Initiative hat mich ganz besonders beeindruckt. Nämlich die Bewegung „Hamburg räumt auf!“. Als ich aus Interesse die Facebook-Seite aufrief, war ich verblüfft. Unter den Gastgebern steht an erster Stelle Rebecca Lunderup. „Ist das die Rebecca aus meiner Schule?“, frage ich mich. Kurz das Profilbild gecheckt und die Gewissheit ist da. Ich kenne jetzt einen Star!

Naja gut, übertreiben wollen wir es nicht. Aber dass Rebecca gemeinsam mit ihren Freunden eine derartige Bewegung mobilisiert, hat mir imponiert. Bleibt die Frage, warum soll ich das nicht eigentlich auch können?

In meinem Wissensdurst rund um die Organisation eines solchen Vorhabens vereinbarte ich prompt einen Interviewtermin. Das Gespräch fand am Hamburger Gänsemarkt in einem Restaurant statt und die Stimmung war gut und vertraut. Tolles Wetter, Wiedersehensfreude mit Schulkameraden teilen, eine inspirierende Geschichte anhören. Begleitet wurde das Gespräch von überwältigter Ungläubigkeit über das Geschaffte. Immer wieder mussten die jungen Leute lachen, weil sie selber nicht glauben konnten, was sie mir erzählen. Ist ja auch wirklich speziell. Einige „Aktivisten“ stecken gerade mitten in Studium oder Ausbildung. Einige haben dies noch vor sich. Führen ein normales Leben. Aber der ganz normale Wahnsinn ist das nicht mehr. Viel Spaß beim Lesen!

 

Interview

 

Mario Kraft : Vom 6. Bis zum 8. Juli 2017 befand sich die Freie und Hansestadt Hamburg – unsere Heimat – im Ausnahmezustand. Die Bundesrepublik Deutschland lud zahlreiche hochrangige Staatsgäste zum G20 Gipfel. Was wird eure prägende Erinnerung zu diesem Ereignis sein?

 

„Hamburg räumt auf!“ : Für uns persönlich ist natürlich unsere Aktion die stärkste Erinnerung. Wir stehen immer noch unter dem Eindruck von „Hamburg räumt auf!“ und erhalten Anfragen von den verschiedensten Medienvertretern, um unser Handeln und unsere Erfahrungen zu schildern.
Und es ist für uns alle prägend, wie das bestürzende und beklemmende Gefühl, das wir bis Samstag hatten, zu so einem überwältigenden und großartigen Gefühl am Sonntag umgewandelt zu haben.

 

Am Sonntag, den 9. Juli habt ihr in der friedlichen Initiative „Hamburg räumt auf“ die Stadtteile wieder in Ordnung gebracht, die von den gewalttätigen Ausschreitungen am Rande des G20-Gipfels am meisten betroffen waren. Jetzt hattet ihr ein paar Tage abstand. Konntet ihr die Geschehnisse etwas sacken lassen? Welche Eindrücke nehmt ihr von eurer Initiative mit?

 

Unglaublich! 10 500 Menschen, die alles zwischen der Schanze und Altona, also auch die Reeperbahn und zusätzlich noch die Landungsbrücken, sauber machen. Die Fassungslosigkeit über die Zerstörungswut wurde komplett umgewandelt in Freude und positive Erinnerungen.

Die Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt aller Beteiligten waren einfach toll! Keine religiösen, kulturellen oder altersbedingten Schranken. Uns ist es gelungen, einzeln gestreute Kräfte so zu bündeln, dass bei den Geschädigten ein materiell wie emotional spürbarer Mehrwert entsteht – das Gefühl von Gemeinschaft. Auch bei solchen Veranstaltungen mit ausartenden Protesten ist kein Ladenbesitzer, kein Anwohner allein mit den Folgen beschäftigt. Ein wenig haben wir die Anonymität aufgehoben, die man Großstädten wie Hamburg immer nachsagt.
Tatsächlich haben wir das alles selber noch nicht so verstanden und verarbeitet. Und die Nachbearbeitung der Aktion beschäftigt uns bis heute. Das Medienecho ist enorm.

 

Warum habt ihr euch entschlossen „Hamburg räumt auf!“ anzustoßen? Wie ist die Situation entstanden?

 

Am Freitag lief der Fernseher live. Ein schlimmes Bild nach dem anderen. Dabei haben wir am Mittwoch davor noch gemutmaßt, dass man von G20 gar nicht allzu viel mitbekommen wird. Ich (Rebecca Lunderup Anm. d. Red.) habe die unglaublichen Konsequenzen der Ereignisse im Fernsehen betrachtet, die sich am Vorabend im Schulterblatt zugetragen haben.

Und Freitagabend flimmerten ja schon die Krawallbilder über den Bildschirm. Da kam es mir sofort in den Sinn, dass ich etwas tun möchte. Ich wollte den Leuten irgendwie helfen und ihnen wieder Zuversicht ermöglichen. Das war aber erst eine vage Idee.

 

Alles geschah nach äußeren Eindrücken sehr impulsiv. Wie sahen die Vorbereitungen aus?

 

Ja absolut. Eigentlich ging alles komplett nach dem Bauchgefühl. Wir haben den Stein ins Rollen gebracht und ab einem gewissen Punkt hat sich alles entwickelt. Wirklich die totale Eigendynamik! Das aber im guten Sinne.

Eigentlich sind wir alle total durchschnittliche Facebook-„Konsumenten“. Wir haben wenig gepostet und sind sogar sonst eher kritisch gegenüber der Verselbstständigung von Social Media eingestellt. Unsere Aktion hat nun aber wirklich die positivsten Seiten moderner Kommunikation herausgestellt.
Über Facebook hat Rebecca als erstes völlig naiv die Polizei Hamburg kontaktiert. Sie hat nachgefragt, wie sie denn helfen könnte. Die Antwort: „Bleiben Sie zu Hause und bringen sich bitte nicht unnötig in Gefahr“.
Dennoch hat sie sich in Abstimmung mit Freunden und Familie entschlossen, die Facebook-Gruppe zu gründen. Dabei haben wir verschiedene Szenarien durchgespielt:

Wie ist die Haftung, wenn unsere Veranstaltung von Gewalttätern unterwandert werden sollte?

Wohin kommt der anfallende Müll?

Wie wird kommuniziert?

etc.

Davon kamen die meisten Fragen erst auf, als wir gemerkt haben, die rasant der Zulauf an Gruppenmitgliedern wurde.

 

Sicher schlummern in Hamburg und überall diverse Ideen zu ähnlichen Aktionen. Es fehlt oft der Glaube, dass man derartiges umsetzen kann. Habt ihr sofort gedacht – „Ja klar, wir räumen auf und wenn wir das nur über Facebook verkünden, machen schon tausende Helfer mit!“ ?

 

Also das war uns am Anfang überhaupt nicht klar. Wir haben uns einfach zu sechst in Wohnzimmeratmosphäre eingefunden und darüber nachgedacht, wie man das stemmen kann. Alle hatten einen Laptop auf dem Schoß, um die Facebook-Seite zu pflegen.

Wir teilten unseren Link mit Informationen zu „Hamburg räumt auf!“ unter diversen Artikeln zum Thema G20. Schnell wurde uns bewusst, dass wir offene Türen einrannten. Direkt meldeten sich Interessenten bei uns. Unglaublich viele Leute schlossen sich unserer Gruppe an.

Natürlich haben wir uns bei der Polizei abgesichert, dass wir nichts Unerlaubtes machen.

 

Musstet ihr öffentliches Versammlungsrecht anmelden?

 

Nein, weil wir von Anfang an klargestellt haben, dass wir keine politische Botschaft vertreten wollen. Das haben wir auch eindringlich in die Facebook-Gruppe kommuniziert. Keine Plakate! Keine Parolen! Alles wie ein freundschaftliches Putztreffen. Wer kann das schon verbieten?

Das haben wir alles mit der Polizei und der Hamburger Veranstaltungsbehörde abgeklärt. Die waren auch total offen oder gar begeistert über unsere Aktion. Sonntags waren zu Beginn natürlich Polizisten vor Ort, um sicher zu stellen, dass unsere Versammlung allen Absprachen entspricht.

 

Was waren konkrete Schritte in der kurzen Vorbereitungszeit?

 

Am Anfang stand ja das Brainstorming, was alles passieren kann. Eigentlich mussten wir dann nur die Facebook-Gruppe auf Stand halten. Das Ganze folgte unserem Bauchgefühl und hat sich dann fast von allein entwickelt.

Die Solidarität der Interessenten mit den Geschädigten war spürbar stark. Nach und nach kamen Anfragen rein, wie und womit man uns denn unterstützen könne. Da schlossen sich ganz normale Bürger ebenso an wie Geschäftsführer von Baumarktketten, Supermärkten, Bäckereien und und und…

Und plötzlich stand ich (Rebecca Lunderup Anm. d. Red.)  am Aktionstag vor tausenden Menschen. Unterstützend parkten um uns herum Lieferfahrzeuge der verschiedensten Hamburger Unternehmen. Alle bis zum Dach voll mit Putzmitteln, Verpflegung für die Aufräumer. Wahnsinn! Die Sachen wurden einfach so für uns bereitgestellt und an Putzmitteln kam sogar noch Nachschub! Ohne dass wir auch nur bei einem Unternehmen anfragen mussten.

Etwas schüchtern begrüßte ich die Menge durch mein Megafon und wurde mit Jubel und Applaus zurückgegrüßt. Was für ein Gefühl… Gänsehaut und totale Freude. Es war als hätten alle auf ein Startsignal gewartet und dann ging es einfach los!

 

Wer hat sich noch alles dazu bereit erklärt, euch zu unterstützen?

 

hagebau Baumarkt – stellte Besen, Eimer, Putzmittel, Schubkarren, Schwämme, Müllbeutel, Bürsten, Graffitientferner. Es blieb kein Wunsch offen und aus vier Hamburger Märkten wurde alles rangeschafft, was verfügbar war. An dieser Stelle ein herzliches Sorry! an alle Kunden, die am Montag nach G20 vor leeren Regalen standen 🙂

Edeka Struve – spendete einen voll beladenen Kleinwagen mit Wasser

Polizei Hamburg – hat uns das Go! für eine gelungene Aktion gegeben und uns unterstützt

Stadtreinigung Hamburg – erklärte sich dazu bereit, den kompletten anfallenden Müll umgehend abzuholen. Und sie haben natürlich eine hervorragende Vorarbeit geleistet

Peter Pane Schlump Hamburg Grill & Bar – haben irgendwann einfach angefangen, Burger und sonstige Verpflegung an die Aufräumer zu verteilen

Obdachlosenhilfe Schwarzenbek/Bergedorf – verteilten vor Ort Essen und Trinken für die Helfer

Teemobil e.V. – versorgten uns ebenfalls mit Lebensmitteln

Café Reinhardt Bäckerei und Konditorei – steuerte frische, total leckere, einzeln verpackte Franzbrötchen en masse bei

Zwei ganz liebe Menschen haben uns rasend schnell in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ein „Organisationsteam“-Plakat und ein geniales Logo gestaltet.

 

An dieser Stelle muss ich zustimmen – das Logo fand ich auch großartig! Wirklich aussagekräftig, aufmunternd und mit klarem Bezug zum G20-Gipfel.

 

Des Weiteren haben sich noch zwei Leute aus Bielefeld gemeldet. Diese haben unsere Aktion bereits im Vorfelde mitbekommen und waren gleich begeistert. Um ihren Beitrag zu leisten, haben sie eine interaktive Karte für die Facebook-Gruppe gestaltet. Im Liveticker konnte darüber kommuniziert werden, wo noch geputzt werden muss und wo die Arbeit getan ist – was für ein Geschenk für uns! Es war vor Ort gar nicht so leicht, den Überblick zu behalten.

Aber alle haben untereinander vernetzt abgesprochen, wo noch Bedarf an zusätzlichen Reinigern, Essen oder helfenden Händen besteht.

Dann waren noch die verschiedensten Unterhaltungstalente unterwegs. Von überall her kam Musik. Uns wurde sogar ein eigener Song in einer Abwandlung von Hans Albers‘ „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ geschrieben!

Und es gab so viel mehr Helfer. Allein auch die Anwohner, die mit Kaffee, Kuchen, geschmierten Broten, allem Möglichen ihren Dank bei den Aufräumern ausdrückten.

 

Ich habe die Aktion selber verfolgt und war wirklich gerührt. Die Atmosphäre am Sonntagmorgen erinnerte an ein Festival, an einen Flashmob. Das Wetter war herrlich! Gab es auch Momente der Andacht und des Diskurses?

 

Es war schon immer wieder präsent, warum man gerade hier ist. Der Anblick der rausgerissenen Pflastersteine, abgebrochenen Hausfassadenstücke, eingeschlagenen Schaufenster. Da kommt man natürlich ins Gespräch.

Aber es ging eigentlich ums Reparieren. Wir wollten alle nach vorne schauen und zeigen, wie Hamburg wirklich ist! Und es war einfach wunderbar.

 

In welchen Stadtteilen habt ihr aufgeräumt?

 

Letztendlich waren wir im Schanzenviertel, an den Landungsbrücken, am Meßberg, auf der Reeperbahn und in Altona zugange.

 

Könnt ihr final abschätzen, wie viele Helfer sich am Aufräumen beteiligt haben?

 

Laut der Polizei waren es 10 000 Leute. Dabei wurden aber die Aufräumer an den Landungsbrücken, beim Meßberg und in Altona nicht mitgezählt. Ein wahnsinniger Erfolg, den wir noch gar nicht ganz auf dem Schirm haben.

 

Ihr hattet mit eurer Aktion ja auch das Potenzial, querulant aufzutreten. Ein Szenario: Angenommen, die Stadtreinigung hätte sich nicht zur Kooperation bereiterklärt. Ihr hättet ohne die Möglichkeit, den anfallenden Müll sinnvoll zu entsorgen, dagestanden. Hättet ihr die Reißleine  gezogen und die Aktion abgebrochen? Oder hättet ihr ein stärkeres Bedürfnis gehabt, das Zeichen zu setzen, dass Hamburg anders ist, als die Bilder aus den Nachrichten in der Welt vermuten ließen?

 

Wir glauben, dass wir schnell den Zeitpunkt überschritten hatten, ab dem man einfach so alles hätte abbrechen können. Wir hätten es wohl durchgezogen, da wir wirklich helfen wollten und der Müll hätte schon seinen Weg in die fachgerechte Entsorgung gefunden.

Zum Glück hat die Stadtreinigung total motiviert mitgemacht und – so viel muss gesagt sein – hervorragende Vorarbeit geleistet. Es ging um das Zeichen.

 

Es wurden ja hauptsächlich Bilder der chaotischen Zustände gezeigt. Tatsächlich fanden in Hamburg vor und während des Gipfels rund 50 ruhige oder kreative Demos statt. Habt ihr das Gefühl, dass die friedlichen Demonstranten überstimmt wurden?

 

Ja, definitiv. Es gab ja so viele verschiedene friedliche Proteste rund um den G20-Gipfel. Um ehrlich zu sein, hat man davon bei der Berichterstattung im Fernsehen und in den Zeitungen nur das Nötigste mitbekommen. Die Nachrichten waren sehr hektisch und emotional aufgeladen. Es war ein ständiges hin und her der Gefühle.

Alles klang ungefähr so: „Hier treffen die Staatgäste in der Elbphilharmonie ein und hier brennt das Auto.“ (schmunzelnd)

Andererseits hätten wir ohne die dramatischen Bilder vielleicht nicht die Idee zu der Aktion und dann diesen unglaublichen Zulauf gehabt?

Doch der Eindruck bleibt. Die meisten friedlichen Demonstrationen sind völlig untergegangen.

 

Könntet ihr euch vorstellen, derartige Aktionen zu wiederholen? Wenn nein, was würde euch abhalten?

 

Also wir überlegen, wie man den Geschädigten noch weiter unter die Arme greifen könnte. Es ist so, dass der Hilfsfond nur Sachschäden abdeckt. Wirtschaftliche Schäden werden nicht berücksichtigt.

Wenn ein kleines Geschäft also während des Gipfels schließen musste und sich die Schließung eventuell wegen Verwüstungen noch verlängert, steht der Geschäftsinhaber anschließend vor dem Umsatzausfall.

Da wollen wir helfen. Das befindet sich aber noch in der Planungsphase. Dabei könnten wir zwar unsere entstandene Reichweite nutzen. Aber ins „regelmäßige Aktivistentum“ können wir nicht übergehen. Es fehlt die Zeit. Wir haben ja alle unser eigenes Leben, das wir gestalten müssen und wollen.

 

Ihr habt ja auch den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier sowie den Ersten Bürgermeister der Stadt Hamburg Olaf Scholz getroffen. In welchem Rahmen fand das statt und was haben diese beiden Persönlichkeiten euch gesagt?

 

Am Samstagabend bekamen wir den Anruf, dass die Möglichkeit besteht. Beide Politiker trafen auf dem Polizeirevier Feldstraße Geschädigte und Anwohner aus den betroffenen Gegenden. Dabei  wurde über die Situation der Anwesenden geredet. Nach einer Zeit kam das Gespräch auf unsere Initiative „Hamburg räumt auf!“. In dem Moment applaudierte der ganze Raum.

Wir waren total aufgeregt, als wir dem Bundespräsidenten und dem Ersten Bürgermeister gegenübertraten. Aber es war dann ein ganz normales Gespräch zwischen Menschen. Sie lobten uns für unsere Aktion ausdrücklich und bedankten sich.

 

Was ist eure Lieblingserinnerung an „Hamburg räumt auf“? Zur Hilfe vier Optionen:

Der Moment, als ihr gemerkt habt, dass es überhaupt möglich ist, die Aktion auf die Beine zu stellen

Das Putzen an sich

Die Abschlusskundgebung in Altona

Das Treffen mit dem Bundespräsidenten und dem Ersten Bürgermeister

 

Also wir sind wirklich voll von Eindrücken!

Rebecca Lunderup: Ich fand die Atmosphäre beim Putzen fantastisch. Das Wetter hat mitgespielt, alles war perfekt, Optimismus lag in der Luft. Es hat einfach Spaß gemacht, allen zuzusehen. Vor Ort waren internationale Kamerateams, die Bilder der Verwüstung festhalten wollten. Stattdessen haben wir da rumgewirbelt. Ich habe fast die ganze Zeit Interviews gegeben.

Timon Feld: Die Abschlusskundgebung in Altona war etwas ganz Besonderes. Die Leute waren begeistert und dankbar, dass wir das alles in die Wege geleitet haben und alle haben gejubelt und gefeiert!

Hannah Lunderup: Ich fand auch, dass der Moment in Altona großartig war. Einfach alles an der Aktion. Man hat gemerkt, dass man wirklich etwas erreichen kann! Es ist realistisch, große Mengen von Menschen zu mobilisieren, um etwas Gutes zu tun.

Suleiman Sedeghi: Das Medienecho war der Wahnsinn! Wir waren ja dann sogar in den New York Times. Al Jazeera English hat über uns berichtet. Wir waren bei Radiosendern, in vielen Zeitungen, im Fernsehen.

Am Sonntagabend waren wir einfach nur geschafft. Wir saßen beim Abendbrot und haben dann ein Video von der Aktion angeguckt, welches ein Helfer gedreht, geschnitten und mit Musik unterlegt hat. Darin kam diese einzigartige Stimmung so gut rüber, dass wir alle total gerührt waren.

Wir haben einfach Spaß gehabt. Unsere Familien stehen hinter uns und haben mit angepackt. Zum Teil haben sich Bekannte gemeldet, von denen man lange nichts gehört hat.

Und bei dem Wetterglück war es eine runde Geschichte. Wir hatten natürlich alle Sonnenbrand!

 

Aber der war es wert! Wer weiß – vielleicht wird bei der nächsten Aktion auch Sonnencreme gespendet?

Was ihr geleistet habt, ist enorm und ich bin beeindruckt und sehr dankbar, dass ich mit euch darüber sprechen durfte.

 

Das Interview führte Mario Kraft

 

 

Urheberrechtshinweis: Die Fotos wurden uns freundlicherweise von Rebecca Lunderup zur verfügung gestellt.